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Schreibwerkstatt - auf ein Wort

Schreibwerkstatt - auf ein Wort

Schon mal geschrieben? Na, klar! Wann denn bitte schön das letzte Mal? Privat! Wenn Ihr letztes Schreiben nicht allzu lange zurück liegt, haben Sie vielleicht sogar etwas mehr geschrieben, nicht nur einen kleinen Geburtstagsgruß, eine Weihnachtskarte oder eine kurze Einladung zu einer kleinen privaten Feier. Wir kennen einige Seniorinnen und Senioren, die nicht nur Tagebuch schreiben, sondern auch lang zurück liegende Erlebnisse und Erfahrungen, aber auch gerade Erlebtes zu Papier oder auch zu "Computer" bringen. Im Computerclub gibt es sogar jemanden, der so nicht nur versucht seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten, sondern auch bemüht ist, seinen Kindern etwas weiterzugeben. Gehören Sie auch zu diesem Personenkreis? Oder möchten Sie dazugehören. Hätten Sie Interesse, so etwas zu versuchen? Wenn ja, dann ist unsere Schreibwerk­statt vielleicht das Richtige für Sie .

Wir, die Seniorenschreibwerkstatt Troisdorf, sind eine Gruppe von zur Zeit dreizehn Personen, und wir treffen uns bei der Arbeiterwohlfahrt Troisdorf Mitte. Dort lesen wir uns unsere selbst verfassten Texte vor. Neben Unter­haltungen, die sich daraus ergeben, kümmern wir uns auch um grammatische Fragen und machen kleine Übungen zum kreativen Schreiben. Wenn Lust darauf besteht, machen wir Ausflüge oder Lesungen in Seniorenheimen oder im Lokalradio.

Die Seniorenschreibwerkstatt gibt es seit dem Frühjahr 1990. Sie wurde ins Leben gerufen von Frau Dr. Geerte Murmann - Journalistin und damalige Seniorenbeauftragte der SPD -, die durch ihr Engagement die Möglichkeit geschaffen hat "Erinnerungen, Erlebnisse, Empfindungen in Prosa und Poesie, Gereimtes und Ungereimtes, Amüsantes und Trauriges aus Vergangenheit und Gegenwart" zu Papier und unter die Leute zu bringen. Die fünf verschiedenen Broschüren, die seither erschienen sind, legen dafür beredtes Zeugnis ab.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Keine Scheu, besuchen Sie uns mal. Wer Lust am Schreiben und auf die Gesellschaft anderer hat, ist herzlich eingeladen, zu uns zu stoßen.

Sie finden uns alle zwei Wochen freitags um 11:00 Uhr bei der Arbeiterwohlfahrt Troisdorf Mitte. Näheres erfahren Sie dort. Nehmen Sie doch einfach mal Kontakt auf.

Übrigens:

Auf der letzten Seite finden Sie einige der von uns verfassten Texte. Schauen Sie sich doch einmal an, was da so entstanden ist.

Texte Zimmermann, Christine

Christine Zimmerman, Hippolytus

Frei nach: "Stadiers vollständiges Heiligenlexikon"

Der heilige Hippolytus wird als eine "sagenhafte Persönlichkeit" bezeichnet "für deren Existens und Schicksale kein geschichtliches Zeugnis vorhanden ist, und die erst seit dem 6. Jahrhundert, zum Teil auch etwas früher bekannt wurde" (Döllinger). In Deutschland sind diesem Heiligen mehrere Kirchen etc. unter dem Namen "Sankt Pölten" etc. geweiht.

Der heilige Hippolytus, auch Ipolytus, Epolitus und Poltus genannt, war ein römischer Militär-Befehlshaber, der den heiligen Diakon und Märtyrer Laurentius bewachte. Von der Unschuld und dem Feuereifer dieses Märtyrers ergriffen und durch sein Wort begeistert, nahm er den christlichen Glauben an und wurde vom hl. Laurentius im Gefängnis getauft. Der Ort heißt nun San Lorenzo in forte und ist eine schöne Kirche.

Hippolytus wohnte auch dem Begräbnis des Märtyrers bei und nahm vom gesegneten Brot, das bei dieser Gelegenheit gespendet wurde, mit nach Hause, um auch den Seinigen davon mitzuteilen. Dies kam zur Anzeige. Zur Rechenschaft gezogen und gefragt, ob auch er "Zauberer" geworden sei, gab er zur Antwort: "Nicht weil ich Zauberer sondern weil ich Christ bin, tat ich es". Nachdem er verschiedene Qualen mit unerschütterlicher Festigkeit erduldet hatte, wurde er mit den Füßen an den Hals wilder Rosse gebunden und zu Tode geschleift.

Martyrium des Hl.Hippolyt, Dieric Bouts, 1470-1475,
Brugge, Museum der Sint-Salvator-Kathedrale
(Quelle: Wikipedia - Online - Lexikon)

Sein Tod wird in das Jahr 258 gesetzt. Mit ihm hatte aber sein ganzes Haus die Taufe empfangen. Seine Amme, die hl. Concardia, starb am selben Tag für den Namen Jesus. Sie wurde in seiner Gegenwart mit Peitschen, die mit Bleikugeln durchzogen waren, zu Tode geschlagen. Neunzehn andere derselben Familien wurden enthauptet und auf dem Ager Veranus zugleich mit dem hl. Hippolytus und Concardia bestattet.

Reliquien dieses Heiligen sollen sich zu St. Denys bei Paris, bei Rom, zu Brescia und auch in Köln befinden, wo eine Übertragung derselben jeweils am 20. Oktober gefeiert wird. Dieser hl. Hippolytus mit seinen Gefährten findet sich im Märt, Rom und in allen Martyrologien: auch im römischen Brevier wird ihrer mit einer "9. Lecition" am 13. August zugleich mit dem hl. Casianus gedacht. In den griechischen Menäen steht der hl. Hippolytus am 10. August.

Texte Schnüttgen, Bernadette

Bernadette Schnüttgen, Armut rettete meinem Kind Arme und Hände

Wir schreiben das Jahr 2007. In den vergangenen Wochen, in den ersten Novembertagen, waren die Medien (Fernsehen) überfüllt mit Berichten über die Contergan geschädigten Kinder Anfang der 60er Jahre. Mich hatten die Bilder und Berichte in den Sendungen sehr bewegt, da ich auch fast davon betroffen gewesen wäre. Weil ich damals zu arm war, das Rezept zu bezahlen, hat mich das Schicksal vor diesem Leid bewahrt. Wieso und Warum?

Mein Mann wurde 1958 zur Dienststelle Bahnhof Troisdorf versetzt. Als Bahnbeamter kam er dort in den Stellwerksdienst. Wir bekamen auch sehr schnell eine Dienstwohnung. So wurden wir im August 1959 Bürger der Stadt.

Doch diese Dienstwohnung war wohl das Letzte, was man sich unter einer Wohnung vorstellen konnte. Dennoch waren wir froh und erstmal zufrieden. Es war ein Doppelhaus für je zwei Familien, aufgeteilt in Parterre und Etage. Die Etage war nun unser Domizil, sie war mit dem Schienenstrang auf gleicher Höhe. Durch einen Anbau von Waschküche und Toiletten war das Haus mit der Mauer des Bahndamms verbunden. Wenn sich auf den Gleisen die Eilzüge in Richtung Beuel-Troisdorf oder Troisdorf-Beuel pfeifend und schnaubend begrüßten, dazu die schwere Rangierlok der Mannstädt-Werke auf gleicher Höhe ihre Arbeit verrichtete und vor dem Haus ein roter Büssing die Arbeiter zum Werk brachte, war ich am Ende.

Doch unsere Tochter, die zweieinhalb Jahre alt war, klatschte vor Freude in ihre kleinen Hände und fand es sehr lustig, wenn ich die Töpfe und Wasserkessel festhalten musste, die durch das Vibrieren des Hauses in Bewegung geraten waren. Diese Dienstwohnung in der Mannstädtstraße am Bahndamm habe ich täglich einige Male verflucht. Doch zu unserem Glück bekamen wir im Grotten in der Eisenbahner-Klein-Garten-Anlage an der Mendener Straße eine Gartenparzelle. So mussten wir nicht mehr den ganzen Tag in der Wohnung sein.

Das Familienglück wäre nicht vollständig gewesen, wenn wir nur bei einem Kind geblieben wären und ein zweites Kindergeld konnten wir gut gebrauchen. So wurde ich im Mai 1960 schwanger, und durch diesen Zustand suchte ich die Praxis eines Frauenarztes auf, der in Troisdorf, Sieglarer Straße seine Praxis hatte. Dem erzählte ich von meiner Nervosität und meinen Schlafstörungen, die täglich neu verursacht wurden. Durch die Krankenkasse meines Mannes wurde ich als Privatpatientin geführt und bekam ein Rezept für Contergan – eine erstklassige Verordnung, so die Meinung des Arztes. In der "Alten Apotheke“"legte ich meine Verordnung vor. Auch der damalige Apothekenbesitzer gab mir zu verstehen, dass es der Frauenarzt aber gut mit mir gemeint habe "bei so einer erstklassigen Medizin". Das Ganze sollte 48 DM kosten. Ich nahm mein Portemonnaie aus der Tasche. Da es Freitagmorgen und fast Monatsende war, hatte ich nicht genug Geld dabei und löste das Rezept nicht ein.

Das war mein Glück! Am 3. Februar 1961 brachte ich eine gesunde Tochter in Troisdorf, Luis-Mannstädt-Str. 9 a zur Welt. Ich war später nie mehr in der Lage, für Schlafstörungen Geld auszugeben.

Texte Grewe, Theresia

Theresie Grewe, Sprechende Kastanien

Man schreibt das Jahr 1982. In Troisdorf soll eine Fußgängerzone entstehen. Der Autoverkehr muss umgeleitet werden, und eine Umgehungsstraße wird gebaut. Theodor-Heuss-Ring wird sie genannt.

Wir, Kastanien am alten Friedhof in der so genannten Liebesallee, sollen deshalb weichen. Öfter haben wir jetzt Besuch von Herren, die wir hier sonst vorher nie gesehen haben. Mit großen Akten und Bauplänen wird um uns herum geplant und vermessen. Uns will man einfach absägen. Man kann uns nicht mehr dulden. Es ist furchtbar. Wir, die wir doch so gesund und munter sind, sollen unser Leben beenden.

Wir haben so manches Glück und auch Unglück miterlebt. Wir haben geschmunzelt, wenn sich Liebespaare küssten oder stundenlang auf der Bank unter uns glücklich waren. Wir nahmen Anteil an ihrem Glück und sahen so manches, über das wir uns freuen konnten. Nie haben wir etwas verraten. An warmen Maiabenden, wenn wir in voller Blüte standen, hatten wir besonders viele Besucher.

In den Morgenstunden eilten die Leute zum Bahnhof an uns vorbei. Wir erblickten sie schon, als sie von der Kuttgasse zum Steinhof einbogen. Aber sie hatten keine Zeit für uns. Erst als sie im Zug an uns vorbei fuhren, wurden wir bestaunt. So mancher Blick der Reisenden fiel auf unsere herrlich blühenden Kronen. Wir waren stolz auf uns. Wir haben gesehen, wie Troisdorf sich ausgebaut und verändert hat. Die Firma Keller, mit der wir so vertraut waren, musste uns verlassen und aus dem Stadtkern ausziehen. Darüber waren wir traurig. Angeblich war die Lärmbelästigung zu groß. Aber dass auch wir jetzt weg sollten, wo wir doch stillschweigend dastehen, verstehen wir nicht. Wir haben den grausamen Krieg überlebt, und jetzt, wo wir doch so groß und prächtig sind, sollen wir weg. Oft hat man uns gelobt, wenn wir Spaziergängern Schatten spendeten oder Kinder Kastanien sammelten. Soll nun ein Ende für uns sein?

Zum Glück haben auch wir in unserer Stadt einige Naturschützer. Die kämpfen für uns, damit wir bleiben dürfen. Ihnen haben wir zu verdanken, dass wir noch da sind. Unsere Lage hat sich total verändert, aber in einem langen Leben kann man den Fortschritt nicht aufhalten.

Heute verirren sich kaum Fußgänger oder Kinder in unsere Umgebung. Wir stehen mitten in der Hauptverkehrsstraße von Troisdorf.

Menschen fahren in Autos und Bussen an uns vorbei. Sie bewundern sicher unsere dicken Baumstämme. An heißen Sonnentagen genießen sie kurz unseren Schatten. Wir grüßen aber immer noch die Reisenden in der Eisenbahn, die in Richtung Siegburg oder Köln fahren. Wir freuen uns, wenn sie auch nur kurz zu und hinüber schauen und uns ihre Aufmerksamkeit schenken.

Wir danken der Stadt Troisdorf und allen Beteiligten, die zu unserer Rettung beigetragen haben. Deshalb blühen wir in jedem Monat Mai auf’s Neue.

Texte Adele Müller


Adele Müller, Meine Erinnerungen an die ehemalige Maikammer

Dort, wo sich die ehemalige belgische Siedlung befindet, war bis nach dem zweiten Weltkrieg ein schönes Waldgelände. Das Gebiet hieß "In der Dreiß", und wir nannten es Maikammer. Alte Eichen und Buchen standen dort, ein kleiner Pfad schlängelte sich hindurch, und es gab auch ein winziges Bächlein. Jedes Jahr pflückten wir dort Maiglöckchen für den Muttertag.

Das Gebiet wurde begrenzt von Waldweg, heute Taubengasse, und Aggerdamm.

Am Damm standen ein paar wilde Kirschbäume. Ich erinnere mich noch gut an die Mädchen aus Russland, die man nach Troisdorf gebracht hatte. Sie waren im Saal der Gastwirtschaft Klein untergebracht, und arbeiteten bei der Firma De Hear. Zur Kirschenzeit saßen sie sonntags in den Bäumen und aßen die kleinen Früchte. Wir junge Mädchen konnten das damals nicht verstehen, später dämmerte es uns, dass sie vielleicht Hunger auf etwas Obst hatten, den sie mit den kleinen Dingern versuchten zu stillen.

Auf der anderen Dammseite befand sich der Altwasserarm der Agger. Den Spazierweg entlang gab es einige Bänke, die gerne benutzt wurden. Eines Tages wurden die schönen Bäume "In der Dreiß" abgeholzt. Wir waren sehr traurig, zu sehen, was mit unserer Maikammer geschah. Man erzählte, dass die wertvollen Baumstämme zu Reparationsleistungen nach Großbritannien verschifft wurden. Die Briten waren damals unsere Besatzungsmächte. Ein Teil des freien Geländes wurde dem Kleingärtnerverein zur Verfügung gestellt. 1951 lösten belgische Truppen das englische Militär ab.

Sie beanspruchten nun das Gebiet der Maikammer und bauten dort ab 1953 Ein- und Mehrfamilienhäuser für ihre Familien. Auf dem Gelände "In den Eichen", anschließend an die Dreiß, hatte das belgische Militär einen Flugplatz für Kleinflugzeuge geplant. 1957 erfolgte auf dem freien Gelände eine Notlandung einer englischen Kuriermaschine. Der Pilot verlor dabei sein Leben, der Copilot einen Unterschenkel, überlebte jedoch den Unfall im Troisdorfer Krankenhaus. Vom Flugplatzbau hatten die Belgier inzwischen Abstand genommen, so konnte dort später das Aggerstadion errichtet werden.


 

Adele Müller Der Röhrichtsiefen

An dem Waldweg nach Lohmar, zwischen Siegburger Straße und den Troisdorfer Aggerwiesen liegt der Röhrichtsiefen. Einst war dieses Gelände ein Waldgebiet. 1934 wurde es gerodet und urbar gemacht. Die Troisdorfer Bauern benötigten Land, um existenzfähig zu bleiben. Außerdem hatten Arbeitslose eine Beschäftigung. Mein Vater holte sich dort mit einem Handwagen die Baumwurzeln. Sie wurden zerkleinert und wir hatten billiges Heizmaterial. Wenige Häuser waren zu dieser Zeit mit Heizungen ausgestattet, fast jeder Haushalt besaß Öfen zum Kochen und Heizen.

Der gerodete Röhrichtsiefen war wertvolles Ackerland. Viele Jahre bauten die Bauern dort Kartoffeln und Getreide an. Drei schöne Buchen hatte man stehengelassen, sie sind heute noch dort zu finden. Dazu stellte man das "Engelse Hillijehüsje" auf, welches sich vorher an der Frankfurter Straße befand, da wo sich heute der Lidl Parkplatz befindet. Fräulein Zaun, eine Malerin, wohnte am Wasserwerk. Sie war oft an der Muttergottesstatue zu finden, wo sie ihrem Hobby nachging. Wir Kinder durften ihre Staffelei tragen, und von einigen malte sie ein Porträt.

Manchmal wurde das Gelände wegen militärischer Übungen abgesperrt, auch der Aggerdamm war davon betroffen. In der Höhe des Wasserwerks stand ein Absperrbalken, wenn er sich quer über dem Weg befand, war das Betreten verboten.

Nach dem zweiten Weltkrieg herrschte große Hungersnot, und der Kartoffelklau ging um. Die Bauern im Röhrichtsiefen wurden oft ihrer Feldfrüchte beraubt. Nach der Währungsreform, 1948, besserte sich die Lage, die Bewirtschaftungen wurden aufgehoben, Lebensmittelmarken gab es noch bis 1950. 1951 beschlagnahmte belgisches Militär den Röhrichtsiefen und die Aggerwiesen. Damit wurde den Bauern die Erwerbsquelle genommen.

Seit einigen Jahren ist das Gelände wieder frei. Es wird jedoch nicht mehr bewirtschaftet. Ab und zu sieht man eine Schafherde dort grasen, die den Bewuchs in Schach hält und den Rasenmäher ersetzt. Ansonsten werden die Wiesen gerne von Hundebesitzern aufgesucht.

Texte Esther Asbach

 


Esther Asbach: Tafel 1

So, jetzt gehe ich rein. 1x im Monat das muss sein.

Ich setze mich hinten in´s Eckchen, da ist es nicht so hell.

Mein Wintermantel ist doch schon sehr abgewetzt.

Das Fräulein kommt an meinen Tisch und fragt: "Bitte sehr?"

"Guten Tag - eine Tasse Kaffee, bitte."

Am Nebentisch sitzt ein Herr. Ein halbes Brötchen liegt noch auf dem Teller.

Der Herr schaut auf die Uhr, springt auf und eilt hinaus.

Ich starre wie gefesselt auf das halbe Brötchen.

Das Fräulein bringt mir den Kaffee.

                    Nein!!!!!!!

Sie räumt den Nebentisch ab.

"Entschuldigen sie Fräulein, das halbe Brötchen, das wäre doch Verschwend..."

Ich kann nicht ausreden, denn das Fräulein lächelt mich an, stellt das halbe Brötchen vor mir auf den Tisch und sagt: "Guten Appetit!"

Hat sie das jetzt hämisch gesagt? Nö, nö, ganz normal.

Ich fühle mich wie ein König. Nehme mir noch `ne Zeitung - kann zwar ohne Brille nur das Fettgedruckte lesen, aber so mache ich einen guten Eindruck.

Danach gehe ich zur "Tafel". In Afrika gibt es leider keine Tafel.


 Esther Asbach Tafel 2

Ein Monat ist um. Ich sitze im Kaffee auf der Terrasse.

 Das Fräulein bringt mir eine Tasse Kaffee und ein halbes Brötchen.

 Sie hat mich offensichtlich wiedererkannt.

Ich sage: „Ich kann nur den Kaffee bezahlen.“

Das Fräulein lächelt mich an und sagt: „Ist liegen geblieben und das wäre doch Verschwendung.“

 Ich bedanke mich und nehme mir wieder eine Zeitung um das Fettgedruckte zu lesen.

 Scheint heute ein schöner Tag zu werden. Den Wintermantel benötige ich zum Glück nicht mehr. Hab mich immer geschämt damit, aber ohne wäre es zu kalt geworden.

 Ich strecke meine Nase in den Wind. Hmm! Es wird Frühling.

 Heute gehe ich nicht zur Tafel - habe noch genug Lebensmittel Zuhause.

Ich sitze auf der Bank am Teich und beobachte die Enten.

                    Aha!

Da ist was los - Geschnatter - ein Erpel stürzt auf einen anderen Erpel und hackt mit dem Schnabel auf ihn ein.

 Streitigkeiten auf weiter Front - ob Mensch, ob Tier - was für ein Pläsier.

 Denke ich an die Tafel - da geht es friedlicher zu.

 Sicher, weil dort alle nichts haben.


 Esther Asbach Tafel 3

Irgendwie komisch - ich freute mich immer, dass der Monat rum war, weil es dann wieder Geld gab.

Jetzt freue ich mich, dass der Monat rum ist, aber nicht, weil es Geld gibt, sondern weil ich wieder ins Cafè gehen kann.

Ich sitze also in dem kleinen Cafè, aber nicht im Eckchen, denn ich habe meinen Wintermantel nicht an. - Wie immer bestelle ich eine Tasse Kaffee.

Das Fräulein lächelt: „ich habe wieder ein halbes Brötchen - das wäre doch Ver...“ Ich vervollständige den Satz: „schwendung.“

Wir lachen beide - und dann sehe ich sie, sind mir vorher gar nicht aufgefallen:

2 wunderschöne Grübchen. Booh! Ein Serotonin-Ausstoß von feinster Qualität. - Tut echt gut.

Bin an der Tafel.

Erschüttert schaue ich den jungen Mann an, der mich so anbrüllt: „Was ist los? Ich habe doch nichts getan.“

„Eben,“ sagt der junge Mann „ich frage sie jetzt zum 3ten Mal: Möchten sie 3 Äpfel und 4 Apfelsinen oder 4 Äpfel oder 3 Apfelsinen.“

Ich antworte; „Entschuldigen sie, aber mir ist es egal.“

War wieder ein schöner Tag. Ich muss nur herausbekommen, was mit mir nicht stimmt. Ich bin doch sonst nicht wie ein Professor - so zerstreut.


Esther Asbach Tafel 4

Was ist los. Ist der Monat länger als sonst? Ich muss ins Cafè.

Endlich ist es soweit. Ich hatte noch etwas Geld übrig und konnte mir neue Rasierklingen kaufen.

Beim Blick in den Spiegel lächelte ich: Echt glatt rasiert, prima.

Wie immer bestelle ich eine Tasse Kaffee und denke, ob sie es bemerkt, dass ich so gut rasiert bin. Ach Quatsch, das Fräulein hat anderes zu tun.

Sie bringt mir den Kaffee und ein halbes Brötchen, dreht sich um und will wieder gehen, schaut sich aber noch mal um und sagt; „Sie sehen heute sehr gut aus.

“Ich werde verrückt - schon der 5te oder 6te Würfel Zucker im Kaffee - egal, sie hat es gesehen - sie hat es wirklich gesehen.

Ich nehme mir schnell eine Zeitung, um nicht ganz durchzudrehen und lese wieder das Fettgedruckte: Appetitlosigkeit - was ist zu tun. Verflixt, den weiteren Text dazu kann ich nicht lesen, ist zu klein geschrieben.

Ah, sie kommt. „Entschuldigen sie Fräulein, könnte ich die Zeitung wohl mitnehmen?“

„Nein, das geht leider nicht, denn ich habe nur das ein Exemplar. Wenn sie das nächste Mal hier sind, gebe ich ihnen die Zeitung.“

„Das ist sehr nett von ihnen, aber bitte genau diese Ausgabe.“

„Ist doch klar - Ich denke dran - Versprochen.“

Ich gehe zur Tafel. Zweifel machen sich breit: Wird sie wirklich an die Zeitung denken? - Ach bestimmt - du dummer Kerl.

An der Tafel angekommen sage ich: „Heute nehme ich nur Äpfel - keine Apfelsinen.“


Esther Asbach Tafel 5

„Hier bitte, die Zeitung, die sie haben wollten.“ Eine Tasse Kaffee und zwei halbe Brötchen stellt das Fräulein mir hin.

„Die zwei halben Brötchen wurden nicht gegessen - und da dachte ich wegen der Verschwendung, sie wissen schon.“

Ich bedanke mich und schaue mir die Zeitung an. Ja! Das ist die richtige - da steht es fettgedruckt: Appetitlosigkeit - was ist zu tun?

So, ich habe die alte Lupe von meinem Opa gefunden. Hoffentlich funktioniert sie auch noch. Ach, bestimmt - steht ja kein Haltbarkeitsdatum drauf.

Oh! Da ist was rot unterstrichen - und zwar: Es besteht die Möglichkeit, dass sie verliebt sind. Herzlichen Glückwunsch.

Das ist aber nachträglich unterstrichen worden.

Ich lese jetzt nicht weiter, denn das hätte keinen Sinn - die Buchstaben hüpfen hin und her und mein Herz hüpft rauf und runter. Ich bezahle schnell mit zitternden Händen und mache mich auf zur Tafel.

Ich nehme alles an, was man mir in die Tüte steckt - wehren hätte sowieso keinen Zweck.

Ich gehe zum Teich und lasse mich auf die Bank fallen.

Hier scheint alles in Ordnung zu sein.

Die Entenmutter schwimmt mit ihren Jungen vorbei, schaut zu mir herüber und scheint zu sagen: „Schau, dass bei dir auch alles in Ordnung kommt.

Ich denke bei mir: Du hast gut reden.


Esther Asbach Tafel 6

Ich werde wach – habe gar nicht gut geschlafen. Aus dem Grund schaue ich nicht in den Spiegel, denn ich könnte einen Schock fürs Leben bekommen.

Am Cafè angekommen, stehe ich unentschlossen vor der Türe.

Hinter mir höre ich eine Stimme sagen: „Wollen sie nun rein ins Café, oder nicht? Ich möchte gerne hinein, aber sie stehen im Weg.“

Ich entschuldige mich und gehe hinein. Eine ältere Dame kommt an meinen Tisch und fragt, was ich haben möchte.

Ich sage: „Ist das Fräulein, das sonst bedient nicht hier?“

Die Antwort; „Nein, sie hat heute ihren freien Tag. Das steht der Che...“

Ich höre nicht mehr, was die Dame sagt, denn ich verlasse das Café.

An der Tafel meint man, ich wäre heute aber früh. Man reicht mir eine gefüllte Tüte. Ich bedanke mich und gehe zum Teich.

Nanu, auf „meiner“ Bank sitzt schon Jemand. Ohne aufzuschauen setze ich mich vorsichtig daneben.

„Guten Tag,“ sagt eine junge Dame.

Mir reißt es den Boden unter den Füßen weg. Diese Stimme! Alles dreht sich, mir wird abwechselnd heiß und kalt. Ich will etwas sagen, bekomme aber keinen Ton heraus, denn ich habe einen dicken Kloß im Hals.

„Ja, ja, ich habe es rot unterstrichen,“ sagt sie und schwebt davon.

Was mache ich jetzt - ach, ich weiß. Ich gehe nach Hause, packe die Tüte aus, lege mich auf das Sofa, schließe die Augen und habe den schönsten Traum, den es geben kann.


Esther Asbach Tafel 7

Habe den Zweireiher angezogen. Den Hut lege ich wieder weg, finde ich übertrieben.

Die letzten Wochen sammelte ich viel Leergut Oftmals half ich Frauen dabei, das Leergut ins Geschäft zu bringen, dafür bekam ich die Hälfte des Pfands. Einmal sogar das ganze Pfand.

Von dem Geld konnte ich mir After-Shave leisten.

Im Blumenladen kaufe ich eine Baccara-Rose und eine dunkelrote mit kurzem Stiel.

Die Baccara-Rose lasse ich in Xylophan einwickeln.

Von der anderen nehme ich die Blüte und stecke sie mir ins Knopfloch.

Gut rasiert, duftend, elegant gekleidet und mit den Rosen gehe ich ins Café.

Das Fräulein mit neuer Frisur, wunderschönem Sommerkleid und ohne Schürze kommt zu mir an den Tisch.

Unsere Blicke treffen sich, aber reden, da ist kein Denken dran.

Ich klammere mich an die Stuhllehnen, denn ich habe das Gefühl ich würde jeden Moment fliegen, so leicht fühle ich mich.

Am Nachbartisch eine Stimme: „Ich möchte zahlen!“

Peng! Ich bin wieder auf der Erde gelandet, schade.

Das Fräulein ist anscheinend im gleichen Moment gelandet.

Entschuldigen sie bitte. Ich kassiere am Nebentisch, dann komme ich wieder zu ihnen.

Das Fräulein ist wieder bei mir. Die Rose reiche ich dem Fräulein mit den Worten: „Vielen Dank für die freundliche Unterstützung.“

Das Fräulein bedankt sich und meint: „Sollen wir uns duzen? Wir kennen uns doch schon gut.“

„Ja gerne, ich heiße Werner.“ „Prima, ich heiße Uschi.“

Uschi kommt wieder mit einer Tasse Kaffee und 2 halben Brötchen, belegt mit Schinken. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so leckeren Schinken gegessen.

                    Für mich fällt die Tafel heute aus.


Esther Asbach Tafel 8

In der Kleiderstube habe ich zwei hübsche Pullis gefunden in gelb und blau.

Die beiden Farben stehen mir besonders gut, sagte meine verstorbene Frau immer.

Ich muss verrückt sein. Den blauen Pulli habe ich bereits 2x an und wieder ausgezogen. Ebenso den gelben Pulli. Jetzt zähle ich aus, wie man das als Kind gemacht hat: Ene, mene, miste usw.

Ich sitze im Café. Uschi bringt mir wieder Kaffee und Brötchen.

Sie strahlt, ich strahle. So hell war das Café noch nie.

Demonstrativ nehme ich mir wieder eine Zeitung und beobachte Uschi.

Ein Glück, ich habe es bemerkt. Ich hielt die Zeitung falsch herum.

Ich schaue mich um, soweit ich das beurteilen kann, hat es keiner gesehen.

Ich bezahle meinen Kaffee. Uschi fragt beiläufig: „Gehst du gleich wieder zur Tafel?“

Mir wird komisch, Schweißausbruch, ich habe das Gefühl, dass ich wie ein Feuermelder aussehe. Kaum hörbar frage ich: „Seit wann weißt du es?“

Uschi antwortet: „Vom ersten Tag an, als du das halbe Brötchen haben wolltest, na ja und dann war da noch der abgenutzte Mantel. Außerdem bist du nur einmal im Monat gekommen - und das immer Anfang des Monats. Du hast aber keinen Grund, dich zu schämen, denn leider ist das in der heutigen Zeit keine Seltenheit mehr. Ich mag dich sehr und möchte mehr von dir wissen. Gehen wir gleich zur Tafel?“

Ich bin neugierig: „Was möchtest du da überhaupt?“

Ich werde die Mitarbeiter fragen, ob Interesse an Brot, Brötchen und alles was nach Feierabend übrig bleibt besteht.“

Und wie aus einem Munde sagen wir: „Das wäre doch sonst Verschwendung.“

Wir gehen also gemeinsam zur Tafel.

                    Tolles Gefühl – Ich bin nicht mehr alleine.


Esther Asbach, Tafel 9

Mit der Tafel - das hat sich geklärt. Die haben sich gefreut.

Uschi hat mich eingeladen. Ich sitze also mit Uschi im Garten.

Uschis Mutter hat dazu angeregt, damit wir uns aussprechen.

Sie meinte, da gäbe es doch sicherlich einiges zu bereden.

Uschis Mutter ist übrigens die nette, ältere Dame, vor der ich geflüchtet bin, weil Uschi nicht da war. Die nette, ältere Dame hat mir schon verziehen und ich darf Katharina zu ihr sagen.

Ich erzähle Uschi also, dass ich arbeitslos bin und aufgrund meines Alters keine Arbeit mehr bekomme.

Uschi fragt: „Wie alt bist du denn?“

Ich sage ihr, dass ich schon über 50 bin.

Uschi: „Geht es etwas genauer?“

Ich beiße mir auf die Lippe: „59 und 364 Tage. Ich werde morgen 60.“

Uschi fröhlich: „Das ist doch kein Problem – da haben wir etwas gemeinsam.“

Ich frage: „So, was denn?“

Uschi: „Ich habe ebenfalls morgen Geburtstag - und ich bin 39 und 364 Tage. Ich werde 40.

Ich fröhlich: „Das ist doch kein Problem, da haben wir etwas gemeinsam, nämlich den halben Tag, der uns bis zu unserem runden Geburtstag fehlt.“

Wir beide lachen Tränen. So gut habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Ich gehe zur Tafel. Alle strahlen mich an. Der junge Mann, der mich mal so angebrüllt hat, sagt: „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, sie sind der jüngere Bruder von sich.

Der Tag war nicht nur gut, nein, wie sagen die Kids: Er war innovativ und ultimativ.

                    Eben voll geil.


Esther Asbach, Tafel 10

Uschis Mutter meinte: „Ihr macht das mit Absicht. Alles in Raten bereden - nur damit ihr euch öfter treffen könnt. Puh, ich würde es genauso machen.

Uschi fragt mich, was ich von Beruf bin.

Ich antworte: „Gelernt habe ich Bäcker und Konditor.“

Uschi stahlt: „Willst du mich heiraten?“

Ob ihr es glaubt oder nicht: Ich habe Ja gesagt.

Ich habe meinen Meister nachgemacht. Die Bäckerei wurde vergrößert.

Wir haben 2 Kinder bekommen - äh, ich meine, Uschi hat die Kinder bekommen. Ich habe nur ein ganz klein bisschen dazu gegeben.

Uschis Mutter darf jetzt immer im Garten sitzen und den Rest ihres Lebens genießen, denn wir haben noch Hilfe dazu bekommen.

Einen Gesellen, der aber manchmal verhindert ist, denn er hilft ehrenamtlich den anderen, die auch ehrenamtlich die Lebensmittel an der Tafel ausgeben.

Ich glaubte schon immer an den alten Herrn, der alles regelt auf dieser Welt, aber jetzt bin ich mir 100% sicher:

                    Er schreibt die Drehbücher für unser Leben.